Rheinland: Unis forschen für das Militär

Dienstag, 3. December 2013

Vier Hochschulen im Rheinland haben im laufenden Jahr Aufträge von der Bundeswehr beziehungsweise vom Verteidigungsministerium erhalten. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der Grünen im Deutschen Bundestag hervor. So wurde die Kölner Universität vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung mit insgesamt 105 000 Euro unterstützt. Mit ungefähr der Hälfte der Summe wurde ein Projekt gefördert, in dem im Chemischen Institut ein umweltfreundlicher Löschschaum entwickelt werden soll, bestätigte Uni-Sprecher Patrick Honecker die Angabe. Der Rest floss in ein Projekt, in dem es um die Herausgabe der Schriften des preußischen Generals Gerhard von Scharnhorst geht.

Auch wenn die Inhalte der Kooperationen auf den ersten Blick nicht sonderlich brisant sein mögen, gibt es Diskussionen um die Zusammenarbeit. 2010 hatten die Studenten an der Uni Köln mehrheitlich für eine Zivilklausel gestimmt, die der Universität Kooperationen mit dem Militär untersagt. Der Senat hatte im Juli 2013 die Zivilklausel abgelehnt. Beschlossen wurde stattdessen ein „offener Leitbildprozess“, bei dem aber nicht klar ist, was an dessen Ende stehen soll. Dennoch will der Senat am 11. Dezember zusammentreten und über beide Projekte berichten. Die Sitzung ist öffentlich.

Auch andere Hochschulen im Rheinland profitieren von der Zusammenarbeit mit dem Militär: Die Bonner Universität wird mit insgesamt 250 000 Euro für die Einrichtung der „Henry Kissinger Professur“ vom Verteidigungsministerium sowie mit 50 000 Euro vom Außenministerium unterstützt. Wer die W3-Professoren-Stelle erhält, ist noch unklar. Es soll eine Persönlichkeit sein, die zum Thema Außen- und Sicherheitspolitik sowie transatlantische Beziehungen lehrt und forscht, so Uni-Sprecher Klaus Herkenrath. Bauchschmerzen mit der Kooperation habe die Uni Bonn nicht, schließlich handele es sich bei den Ministerien um „seriöse und ehrbare Partner“.

Sprengstoff und Minen entdecken

Das Institut für Detektionstechnologie der Hochschule Bonn/ Rhein-Sieg arbeitet bereits seit Jahren mit der Bundeswehr zusammen. Für die Armee forschen die Wissenschaftlern an Methoden, um Sprengstoff und Minen zu entdecken, sagte Sprecherin Eva Tritschler. „Wir bauen keine Sprengsätze, sondern helfen, sie zu entdecken.“ 130 000 Euro erhielt die Hochschule in diesem Jahr für eine Studie, in der die Witterungsbedingungen erforscht werden sollen, unter denen Spengstoffhunde besonders gut arbeiten können. Eine Zivilklausel sei von den Studenten in einer Abstimmung abgelehnt worden.

Für die Studie „Fit für Leben“ hat die Deutsche Sporthochschule in Köln 220 000 Euro in diesem Jahr von der Bundeswehr erhalten. In dem auf drei Jahre angelegten Projekt mit 8000 Teilnehmern geht es um Simulationen am Arbeitsplatz. Teilnehmer der Studie waren Soldaten, gemessen wurden unter anderem Herzfrequenzen und Stressfaktoren. Soldaten seien ideale Teilnehmer für eine Langzeitstudie, weil sie gut verfügbar seien, erläuterte ein Wissenschaftler, der namentlich nicht genannt werden will. Außerdem arbeiteten sie unter besonders harten Bedingungen, „Sie haben keinen Acht-Stunden-Tag und müssen auch mit Schlafentzug klarkommen“. Die Studie diene dazu, Soldaten gesund zu erhalten, ihr Leistungsvermögen zu steigern sowie ihre Fehlerquote zu verringern.

Kritik an militärischen Drittmitteln

Kritik an den Kooperationen kommt von der Naturwissenschaftler-Initiative „Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit“ in Berlin: „Wir sehen die Gefahr, dass das Militär mit kleineren Projekten den Fuß in die Tür der Unis bekommen will“, sagte Geschäftsführer Lucas Wirl. „Universitäten sollten der Völkerverständigung dienen, das Militär dient dagegen dem Töten.“ Wirl forderte, dass die Hochschulen vom Staat so gut mit finanziellen Mitteln ausgestattet werden sollten, dass sie nicht auf militärische Drittmittel zurückgreifen müssten.

„Grundsätzlich halte ich es für problematisch, wenn die Bundeswehr finanziell Einfluss auf die Universitäten nimmt“, sagte auch Peter Förster vom Arbeitskreis Zivilklausel der Kölner Universität. Löschschaum könne zwar zivil, aber auch militärisch genutzt werden. „Zynisch“ nannte Förster die Bonner Kissinger-Professur, weil unter der Ägide des früheren US-amerikanischen Außenministers die USA am Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Salvador Allende beteiligt waren.

Quelle: http://www.ksta.de/campus/-umstrittene-kooperation-unis-arbeiten-mit-mil...

 

Kommentar Von

Auch wenn es kein Stoff für einen Spionagethriller ist: Die finanzielle Unterstützung von Hochschulen durch Bundeswehr oder Verteidigungsministerium ist umstritten. Auch kleine Projekte könnte sich das Militär als Türöffner zunutze machen.

Die Herausgabe der Schriften des preußischen Generals Scharnhorst ist wohl kaum ein Stoff, aus dem ein Spionagethriller gestrickt ist. Und auch die Entwicklung von umweltfreundlichem Löschschaum an der Uni Köln mutet auf den ersten Blick wenig spektakulär an. Bei der Kooperation zwischen vier rheinischen Hochschulen und Bundeswehr beziehungsweise Verteidigungsministerium geht es um solide Kleinstprojekte. Kärrnerarbeit sozusagen. Keine Drohnen, keine Bauteile für Panzer, keine Arbeit für die NSA.

Im Gegenteil: Mit Sprengstoffhunden könne man Leben schützen, in U-Bahnen, auf öffentlichen Plätzen, in Flughäfen, begründet die Hochschule Bonn/Rhein-Sieg ihr Engagement im Bereich Detektionstechnik. Forschung also, die Leben rette und nicht vernichte. Klar ist auch, dass viele Hochschulen außer den öffentlichen Mitteln auch die Finanzspritzen aus den Drittmitteln dringend benötigen. Da ist Auftrag eben Auftrag.

Wirklich? Repräsentieren Hochschulen nicht wie wenige andere Einrichtungen die Zivilgesellschaft? Kann es da sein, dass sie sich abhängig machen von den Finanzmitteln der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums? Wo liegt die Grenze zwischen ziviler und militärischer Technik? Und wer kontrolliert das? Kritiker verweisen zudem darauf, dass die Bundeswehr kleinere Projekte als Türöffner nutze. Offenbar mit Erfolg. Dass manche Universitäten auch bei brisanten Projekten keine Berührungsängste mit der Bundeswehr haben, zeigen Beispiele aus Marburg und München, wo Wissenschaftler an Orientierungssystemen für Drohnen und militärischen Sprengstoffen arbeiten.

Zivilklauseln, mit deren Hilfe militärische Forschung an zivilen Hochschulen unterbunden wird, sind wichtig. Allein helfen werden sie nicht. Bund und Länder sollten ihre Hochschulen finanziell so unterstützen, dass sie auf Aufträge von Bundeswehr und Verteidigungsministerium nicht mehr angewiesen sind.

Quelle: http://www.ksta.de/debatte/kommentar-zur-kooperation-auftrag-ist-nicht-g...