Revisionistische Lügen

Dienstag, 15. Oktober 2013

Zu deutlichen Worten internationaler Kritik an der Bundesregierung kam es bei den gestrigen Feierlichkeiten zu Ehren der Opfer des NS-Vernichtungslagers Sobibor im heutigen Polen. Die Feiern galten den über 200.000 Ermordeten, unter denen etwa 20.000 deutsche Juden waren. Das Auswärtige Amt hatte behauptet, deutsche "Internierte" hätte es in Sobibor nicht gegeben, sodass eine finanzielle deutsche Beteiligung am dortigen Museumsneubau obsolet wäre. In Gegenwart des diplomatischen Corps, das aus Warschau angereist war, und hochrangiger Regierungsvertreter aus Israel, der Slowakei, Polen und den Niederlanden wurde die Bundesregierung wegen ihrer Leugnungsversuche öffentlich bloßgestellt. Auch Berlin habe sich an den Kosten der Erinnerung zu beteiligen, da in Sobibor auch eigene Staatsbürger ermordet wurden, sagte der stellvertretende polnische Kulturminister Piotr Żuchowski. Wie Żuchowski griff auch der niederländische Regierungsvertreter die Haltung der Bundesregierung an.

Zu der mehrstündigen Zeremonie waren hunderte Jugendliche aus Israel und Jugendgruppen aus der Slowakei, der Ukraine und anderen Opferstaaten angereist. Aus Deutschland war die Bürgerinitiative "Zug der Erinnerung" mit Jugendlichen aus Frankfurt (Oder), Berlin, Dortmund und Konstanz vertreten. Die Bürgerinitiative verbreitete in Warschau und Sobibor ein Memorandum, in dem der Bundesregierung negationistische Tendenzen vorgeworfen werden.
 
Zeichen negationistischer Staatspolitik
So heißt es in dem Memorandum unter Berufung auf einen TV-Bericht von Ende September [1], man habe "mit Empörung (...) zur Kenntnis genommen, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland den Mord an über 20.000 deutschen Juden im NS-Vernichtungslager Sobibor vor 70 Jahren leugnet". Die entsprechenden Äußerungen, die begründen sollten, "warum Deutschland an den Kosten des Museumsneubaus im heutigen Sobibór unbeteiligt" zu bleiben habe, "beleidigen nicht nur die unterschlagenen deutschen Opfer im früheren NS-Vernichtungslager Sobibor", sondern "ebenso die Opfer sämtlicher anderer Opferstaaten". In der deutschen Zivilgesellschaft rege sich deutliche Kritik, "weil sich Zeichen negationistischer Staatspolitik mehren".[2]
 
Entschädigungen vermeiden
Bei den Gedenkfeierlichkeiten ebenfalls scharf kritisiert wurde die halbstaatliche "Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" (EVZ). Sie hatte sich in den vergangenen Monaten mehrfach geweigert, Ehrungen der Sobibor-Opfer durch den "Zug der Erinnerung" finanziell zu fördern. Dazu urteilt das Memorandum der Bürgerinitiative, die Stiftung versuche "innerdeutsche Aktivitäten so zu lenken, dass eine materielle Restitution für die Überlebenden des NS-Terrors nicht in Aussicht steht".[3] Der "Zug der Erinnerung" hat bereits vor vier Jahren ein Gutachten veröffentlicht, das die Deportationseinnahmen der "Deutschen Reichsbahn" auf mehr als 440 Millionen Euro beziffert; er setzt sich für eine Entschädigung der Überlebenden ein (german-foreign-policy.com berichtete [4]).
 
Beispiel und Vorbild
Abschließend heißt es in dem Memorandum, "die heutige ökonomische Abhängigkeit fast sämtlicher europäischer Staaten" ermutige "die deutschen Tätererben, sich materieller Verantwortung zu entziehen und die Restitution der Verbrechen für erledigt zu erklären". Man wolle sich dem entgegenstellen und den Aufstand im NS-Vernichtungslager Sobibor vor genau 70 Jahren, am 14. Oktober 1943, "als Beispiel und Vorbild für entschlossenes Handeln gegen den deutschen Antisemitismus und den deutschen nationalistischen Größenwahn" würdigen.[5]
 
german-foreign-policy.com dokumentiert das Memorandum zur deutschen Erinnerungskultur in deutscher und englischer Sprache.
 
Bitte lesen Sie auch Strafanzeige.
[1] "Kontraste" vom 26.09.2013, 21.45 Uhr
[2], [3] s. dazu Deutsche Erinnerungskultur
[4] s. dazu Umgehende Fürsorge und Verlängerung des Verbrechens
[5] s. dazu Deutsche Erinnerungskultur