Aufträge vom Pentagon: Die Naivität der deutschen Forscher

Montag, 25. November 2013

Gegen Wüstenheuschrecken kann man nichts sagen. Diese friedlichen Wesen ernähren sich von Blättern und Früchten, sind gern in Gesellschaft und mögen Sonnenlicht. Deshalb fliegen sie meist in Schwärmen umher und zwar tagsüber. Doch einige dieser Wüstenheuschrecken düsen auch allein umher, sogar nachts. Wissenschaftler der Uni Marburg wollten herausfinden, wie sich die bei Nacht fliegenden Tiere orientieren. Von 2008 bis 2011 forschten die Marburger um Uwe Homberg zu dieser Frage.

Die Präsidentin der Philipps-Universität Marburg, Katharina Krause, ist darüber im Nachhinein nicht glücklich. Sie hätte, so teilt sie es SPIEGEL ONLINE mit, "aufgrund der klar militärisch ausgerichteten Erwartungen seitens des Mittelgebers dringend davon abgeraten, das Projekt zu verfolgen". Der Auftraggeber war das amerikanische Verteidigungsministerium. Für 143.600 Euro wollten die Amerikaner anhand des Flugverhaltens von Wüstenheuschrecken offenbar Erkenntnisse darüber erlangen, wie sich Drohnen und andere Munition orientieren und lenken lassen.

Wie der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" berichteten, sollen 22 deutsche Hochschulen und Forschungsinstitute seit dem Jahr 2000 mehr als zehn Millionen Dollar Forschungsgeld aus dem Haushalt des US-Verteidigungsministeriums erhalten haben. Bei den geförderten Projekten handele es sich demnach sowohl um Grundlagen- als auch um Rüstungsforschung, zum Beispiel an Sprengstoffen. So habe die Ludwig-Maximilians-Universität in München vom US-Verteidigungsministerium 2012 mehr als 470.000 Dollar erhalten, um militärische Sprengstoffe zu verbessern.

Stehen Mitarbeiter des Pentagon mit hochgeklapptem Mantelkragen vor deutschen Universitäten und überreden Physiker zu verhängnisvoller Forschung? Werden an deutschen Universitäten amerikanische Tötungsmaschinen entwickelt? Und verletzen deutsche Universitäten damit ihre Zivilklauseln?

US-Unis reißen sich um Aufträge vom Pentagon

"Der militärische Forschungs- und Entwicklungsetat in den USA liegt bei 70 Milliarden Dollar im Jahr", sagt Jürgen Altmann, Friedensforscher und Physiker an der TU Dortmund, der sich seit mehr als 25 Jahren mit neuen Militärtechniken und den damit verbundenen Risiken befasst. Verglichen damit seien die jetzt bekannt gewordenen Projekte zunächst vernachlässigbar. "Ich gehe davon aus, dass die US-Streitkräfte nur dann Aufträge ins Ausland vergeben, wenn sie zu einem Thema wenig Expertise an den eigenen Forschungseinrichtungen haben", sagt Altmann.

Militärforschung hat an US-Hochschulen eine lange Tradition, die Institute reißen sich um hochdotierte Aufträge aus dem Pentagon. In Deutschland hingegen wird Forschung für Kriegszwecke kritisch betrachtet, an vielen Unis setzen sich Gruppen für eine ausschließlich friedliche und zivile Forschung ein. Gut 46 Millionen Euro zahlte das Verteidigungsministerium zwischen 2000 und 2010 an 48 Hochschulen - ein Klacks gegenüber dem, was das Pentagon in US-Unis pumpt.

13 deutsche Hochschulen haben bereits eine Zivilklausel verabschiedet, wonach Forschung und Lehre von militärischen Einflüssen freizuhalten beziehungsweise im Zweifelsfall transparent zu entscheiden ist, ob ein Auftrag angenommen wird.

Auch die Universität Bremen hat sich eine solche Selbstverpflichtung erteilt. Jetzt kam raus: Zwei Doktorandenstellen wurden vom Pentagon bezahlt. Ein Umweltphysiker hatte die Aufträge an Land gezogen, weder sein Dekanat noch die Uni-Leitung wussten davon. Da Projekte auch im Rechenschaftsbericht der Hochschule nur unter dem Oberbegriff "Drittmittel" aufgelistet werden, erfahren auch Öffentlichkeit und Kultusministerien davon nichts.

Dieses Vorgehen ist jedoch so normal wie legal: Wissenschaftler an deutschen Hochschulen sind dazu angehalten, Drittmittel einzuwerben - auch weil die Institute finanziell davon abhängig sind. Da Forschung laut Grundgesetz frei ist, müssen sie sich dafür keine Erlaubnis einholen, sondern lediglich bestehende rechtliche Rahmen wie zum Beispiel das Gentechnik- und Infektionsschutzgesetz, die Biostoffverordnung und das Kriegswaffenkontroll- oder Außenwirtschaftsgesetz einhalten. Hat ihre Universität sich eine Zivilklausel auferlegt, müssten die Wissenschaftler "im Zweifel" das Dekanat um eine Einschätzung bitten, daran halten müssen sie sich jedoch ebenfalls nicht.

Kann denn Tumorforschung bedenklich sein?

Die Uni Bremen hätte mit dem Pentagon-Auftrag allerdings ohnehin kein Problem gehabt: Es sei nur Grundlagenforschung betrieben worden, heißt es an der Weser. Nun ja, sagt Physiker Altmann: "Der US-Kongress hat schon vor Jahrzehnten beschlossen, dass bei Aufträgen, die vom Pentagon kommen, eine mögliche militärische Nutzung gegeben sein muss - auch wenn es sich zunächst nur um Grundlagenforschung handelt." Es gebe nur eine Ausnahme: bei Medizin.

Und bei der Umsetzung der Zivilklausel mangele es noch: "Ich kenne keine deutsche Uni, die schon ein Prüfungsverfahren für Projekte hat", sagt Altmann.

Einige Institute geben sich gar ahnungslos: Die Arbeitsgruppe "Erblich bedingte Tumor- und Fehlbildungserkrankungen" des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) erhält seit zehn Jahren Geld aus den USA. "Die US-Army verwendet einen gewissen Prozentsatz ihres Budgets für Forschungsarbeiten, die insbesondere auch transnational eingesetzt werden. Von diesen Fördermöglichkeiten hat die Arbeitsgruppe vor dem Hintergrund sehr geringer Fördermöglichkeiten für seltene Erkrankungen in Deutschland gerne Gebrauch gemacht. Militärische Zweckbindungen sind mit der Annahme der Gelder nicht verbunden", teilt das UKE in Hamburg mit.

Ja, kann denn Tumor-Forschung bedenklich sein? Das US-Verteidigungsministerium wolle wissen, wie der menschliche Körper funktioniert, sagt Altmann. "Zum einen, um die eigenen Soldaten besser schützen und heilen zu können. Zum anderen, um besser Bescheid zu wissen über mögliche gegnerische Angriffe mit Biowaffen."

Und: Ist etwas erst einmal erforscht und veröffentlicht, steht es jedem für jede Anwendung zur Verfügung. Forscher sprechen hier vom Dual-Use-Dilemma: Raketen etwa, die Satelliten ins All bringen, können auch Atomwaffen transportieren. Das Wissen über Krankheitserreger lässt sich für Medikamente und für Biowaffen nutzen, mit Nukleartechnik kann man Energie gewinnen oder Atombomben bauen.

Und mit dem Wissen über Heuschrecken kann man den Drohnenkrieg optimieren.

Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/auftraege-vom-pentagon-die-naiv...