Against Capitalist War, Against Capitalist Peace

Dienstag, 9. Oktober 2012

Dieser Text stellt einige unvollständige Gedanken dar, die uns in der Vorbereitung zum GÜZ Camp beschäftigt haben. Wir sehen dieses Papier als Diskussionsanstoß sowohl auf dem GÜZ als auch danach. Natürlich sind die bisherigen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht und auch nicht vollständig zu unserer Zufriedenheit ausformuliert. Wir freuen uns auf kontroverse Diskussionen mit unterschiedlichen Menschen und unterschiedlichen Perspektiven und hoffen hiermit einen kleinen Beitrag zu Leisten.


AGAINST CAPITALIST WAR, AGAINST CAPITALIST PEACE


„Es mag sein, dass der Krieg als Strategie die Fortsetzung der Politik ist. Aber man darf nicht vergessen, dass die 'Politik' als die Fortsetzung wenn schon nicht eigentlich des Krieges so doch des militärischen Modells konzipiert worden ist: als Grundlegendes Mittel zur Verhütung der bürgerlichen Unordnung. Als Technik des inneren Friedens und der inneren Ordnung hat die Politik die perfekte Armee, die disziplinierte Masse, die gelehrige und nützliche Truppe, das Regiment im Lager und Felde für das Manöver angelegt und eingesetzt.“   (M. Foucault- 'Überwachen und Strafen')


Wir leben im Frieden. Der Krieg ist fast 70 Jahre her. Heute ist Krieg woanders. Soldaten sind keine Mörder mehr, sondern leisten Friedenseinsätze‘. Alle sind gegen Krieg und für den Frieden. Die Moral stellt sich gegen Gewalt, gegen die Gewalt des Krieges, aber auch gegen die Gewalt des Widerstands. Der Pazifismus und der friedliche Widerstand gegen die Unstimmigkeiten des Systems werden propagiert ohne das Gewaltmonopol des Staates je in Frage zu stellen. Eher wird es weiter untermauert, indem höhere Strafen gefordert werden.
Wir sind AnarchistInnen und auch wir sind gegen Krieg. Doch die Kriege haben sich verändert...

 

Gegen den Krieg


Gegen Krieg zu sein, kann in unserem Verständnis nur bedeuten gegen das System zu sein, in dem wir uns befinden. Denn dieses System beruht auf Krieg, auf dem militärischen Krieg an seinen selbst kreierten Nationalgrenzen, zur Verteidigung und Missionierung seiner Demokratie, aber auch dem ‚Kriegszustand‘ im inneren. Wir leben mittendrin, im inneren des abscheulichen Monstrums, wo wir es angreifen können. Der militärische Krieg der weltweit geführt wird beginnt zu einem großen Teil hier. Die Kriegsgeräte werden hier hergestellt, die Soldaten hier Ausgebildet und dieses Land schlägt den Profit heraus. Hier können wir die Maschinerie direkt angreifen, bevor sie die Möglichkeit hat zu töten. Dennoch müssen wir zugeben, dass wir nicht selbstlos sind und nicht aus reiner Empathie handeln. Denn auch wir sind von diesem System beeinträchtigt. Ganz klar auf eine andere Art und Weise als in anderen Teilen dieser Welt, dennoch wollen wir nicht mehr in einem fremdbestimmten Zustand leben, in dem wir unsere Ketten nur nicht spüren, solange wir uns nicht bewegen.

 

Gegen den Frieden


Hier herrscht Frieden. Und zwar mit aller Gewalt! Wenn wir sagen wir sind für den Frieden, kann das für uns nur bedeuten gegen das System zu sein, in dem Frieden immer nur Machterhalt bedeuten kann. Wenn wir sagen wir sind für Frieden heißt das für uns, dass wir bereit sind mit allen Mitteln gegen Herrschaft und Unterdrückung zu kämpfen. Wenn wir sagen wir sind für Frieden, beinhaltet das für uns immer, das wir dieses und jedes andere unterdrückende System überwinden wollen. Denn für uns bedeutet Frieden Freiheit und Eigenverantwortlichkeit! Wenn wir sagen wir sind für Frieden, dann kann das nur ein freiwilliger Frieden sein, einer ohne Waffen und Unterdrückung.


Gegen Krieg zu sein, bedeutet für uns also auch gegen ihren Frieden zu sein. Gegen Krieg zu sein bedeutet immer auch gegen die Gesellschaft zu kämpfen, welches auf Krieg basiert. Das heißt, dass wir gegen dieses System sind, egal in welchem Zustand. Wir kämpfen für eine radikale Umwälzung der bestehenden Verhältnisse! Wir werden mit allen Mitteln für eine herrschaftsfreie Gesellschaft einstehen. Wir sprechen uns gegen ihren Krieg aus und genauso gegen ihren Frieden.


Wo stehen wir?


Wir leben heute in einem System, dass von militärischer Tradition und Logik durchdrungen ist. Vom Kindergarten, der elterlichen Erziehung, über die Schule, Ausbildung oder Universitäten bis hin zur Arbeit. Unser Leben ist durchzogen von Disziplin und Gewalt, von Zwang, Unterordnung, Gehorsamkeit und Repression. Wir werden zu Komplizen des Systems und durch ihre Disziplin zu den ewig gleichen und gehorsamen Bürgern erzogen. Dabei fehlt es uns an tatsächlichen Alternativen, sodass wir uns immer wieder auf staatliche Institutionen stützen, sobald es keinen Ausweg mehr gibt. Wir können nicht gegen den Staat arbeiten und trotzdem auf ihn angewiesen sein. Schon in der Schule bringt uns die Disziplin dazu nur abzuspielen was wir auswendig gelernt haben, anstatt Gedanken zu entwickeln und kreativ zu werden. Dies bringt uns zu der Lethargie in der wir stecken, in der es uns immer schwieriger erscheint unsere Utopien zu entwicklen. Uns fehlt der Einfallsreichtum um der staatlichen Hegemonie etwas entgegenzusetzen. Freiheit bedeutet auch Verantwortung und genau dieser Verantwortung wollen wir uns gemeinsam stellen. Denn wenn wir dem Bürger, auch uns selbst, nichts entgegen zu setzen wissen, bleiben wir weiterhin die ruhende Armee des Staates.


Wir müssen nicht erst zum GÜZ, dem Truppenübungsplatz in der Altmark fahren, um zu realisieren, dass der militärische Ausnahmezustand geprobt wird. Dieser ist zum Konzept der Politik geworden und so verwundert es uns nicht, dass militärische Einsätze im inneren nun staatliche Legitimation erhalten. Doch diese Militarisierung der Gesellschaft hat für uns verschiedene Facetten. Zum einen die Institutionen, die mehr und mehr Kasernen und Knästen in ihren Funktionen ähneln. Eine permanente Überwachung und Kontrolle in Schulen, Arbeitsämtern, Krankenhäusern, etc., die uns ständig prüft, bewertet, zurechtstutzt, wenn wir nicht gehorchen und folgen. Ebenso die Bullen die immer weniger vom Militär zu unterscheiden sind und sich gegenseitig in ihren Einsätzen unterstützen und trainieren. Repression, die zur „Normalität“ wird, sei es die tägliche Überwachung der wir ausgesetzt werden, die Verpflichtung einen gültigen Pass zu tragen und ihn bei Aufforderung vorzuzeigen, um die Legitimation unserer Existenz zu beweisen. Die ständige Angst im Nacken, die die permanente Überwachung erzeugt. Wir werden durchgängig kontrolliert ob wir uns selbst unterdrücken und uns anpassen oder nicht. Ob wir den Gesetzen derer, die uns ausbeuten folgen oder nicht. Und wenn wir diese fremdbestimmten Gesetze überschreiten, werden wir in einen noch engeren Käfig gesperrt.


Die Herrschenden brauchen unsere Angst vor dem Ungewissen, denn sie ist das Einzige, was ihren Einsätzen und Gesetzen eine trügerische Legitimation gibt. Sie gibt den Menschen das notwendige Misstrauen um zu denunzieren und lässt sie in eine Schockstarre der Angst fallen in der alle Repression und Kriegseinsätze wortlos geschluckt werden. Um die Angst zu schüren werden Feindbilder konstruiert. Die propagandierte Moral teilt unsere Welt in ein dualistisches System. Die Medien diktieren uns wer gut und wer schlecht ist, wer richtig, wer falsch, wer Freund wer Feind ist. Zur Hilfe der Assimilierung von allem, was nicht in das westliche Herrschaftskonzept passt, wurde der Begriff des ‚Terrorismus‘ wieder aufgegriffen. Unter diesem Begriff wird alles versammelt, was sich gegen die herrschende Ordnung stellt und sich nicht in das System integrieren lässt. Durch die Medien und ihre Bilder, wird der Begriff mit Angst und Schrecken belegt. Terrorismus ist Krieg. Doch was sehen wir an den Anti-Terror Strategien der Herrschenden? Der Krieg in Afghanistan, der Krieg im Irak. Die Überwachung, die Gesetze, die Verfolgung unserer kurdischen Genoss_innen und anderen, die sich gegen das System stellen? Erzeugen nicht diese Gesetze und Einsätze den Krieg? Wird nicht der Krieg von denen bestimmt, die gegen den ‚Terrorismus‘ kämpfen?


„... beim sozialen Krieg handelt es sich um einen Krieg niederer Intensität, den der Staat gegen die sozialen Beziehungen seiner Bevölkerung führt, um seine fortwährende Existenz zu gewährleisten.“ (Alex Trocchi)


Uns ist klar, dass wir uns in einem weit mehr befriedeten Teil der Welt befinden, doch befinden wir uns in dem selben System. Eine Gesellschaft welche die Kriegslogik bis in unsere Köpfe vordringen lässt und in dem die Militarisierung der Gesellschaft immer weiter zunimmt. Der Bulle in unserem Kopf, aber auch in den Straßen, wird immer präsenter und seiner Stimme etwas entgegen zu setzen wird Tag für Tag schwieriger. Dies wird auch bedingt, durch den Zustand der Entfremdung, in den wir hinein gezwungen werden. Unsere Beziehungen zu anderen bestehen meist nur kurze Zeit. Wir leben isoliert nebeneinander her, ohne uns wirklich kennen zu lernen. Unsere Beziehungen zueinander werden zerstört und durch Beziehungen zu hohlen Konstrukten wie Nationen und Waren ersetzt. Die Zerstörung der Waren ist daher auch so viel negativer bewertet als der Tot von Menschen. In einer Welt in der dein Auto dein bester Freund ist, empfindest du mehr Empathie für ein Stück Metall als für die Millionen die für deinen Luxus sterben müssen.


Um dem etwas entgegenzusetzen, müssen wir anfangen uns wieder zu begegnen. Wir müssen wieder lernen uns zu treffen, uns kennen zu lernen und uns zu vertrauen. Denn genau das wird versucht uns zu nehmen um aus uns willige Sklaven und Verbündetete des Systems zu machen. Wir müssen die Wörter ‚Solidarität‘ und ‚Respekt‘ aus dem Fremdwörterlexikon zurück in unser Leben tragen!


Wie oft haben wir Gefährt_innen gehört, die meinen ihre Kämpfe führen höchstens zu Ergebnissen, von denen sie selbst nicht profitieren werden. In einer Welt, in der das jetzige System als das einzig legitime, als das einzig 'funktionierende', als der Höhepunkt des Fortschritts gepredigt wird, ist es an uns dem etwas entgegen zu setzen.


Was wollen wir?


Wir wollen uns nicht einer falschen Moral hingeben. Ein Ende dieses Systems wird nicht friedlich sein, da das System in sich nicht friedlich ist. Wir wollen aber den Begriff der Gewalt anders verwenden und das Gewaltmonopol des Staates mit allen Mitteln in Frage stellen. Wir werden ihre Hierarchisierung von staatlicher Gewalt (legitim) und militanter Praxis (illegitim), sowie physischer Gewalt (illegitim) und psychischer Gewalt (legitim) nicht übernehmen. Dies bedeutet aber auch ihre militärische Logik nicht zu reproduzieren. Zu sehen, dass unsere Utopie nicht von unseren Kämpfen zu trennen ist, ist für uns ein wichtiger Teil des anarchistischen Kampfes. Denn wenn der Zweck die Mittel heiligt, kann dies nicht zu einer befreiten  Gesellschaft führen, sondern nur zu neuen Führern und neuer Unterdrückung. Es geht uns nicht darum eine Armee gegen eine andere zu stellen, nicht einen Staat gegen einen anderen auszuwechseln. Es geht darum das komplette System, bis in unsere Köpfe hinein, durch eine radikale und konsequente Praxis zu durchbrechen.


Um dieses System zu überwinden dürfen wir nicht ihre Kriegslogik in unserem Widerstand reproduzieren. Wir sind nicht für einen Krieg, wir sind gegen den Krieg und seine Logik. Aber wir sind für den Kampf, für viele militante Kämpfe gegen dieses System. Wenn wir wirklich gegen dieses System kämpfen wollen, müssen wir auch die Verantwortung übernehmen, die die Freiheit mit sich bringen wird. Nehmen wir uns unsere Leben zurück! Beginnen wir mit dem Kampf gegen den Krieg den sie tagtäglich gegen uns führen. Begegnen wir uns selbst und anderen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber es gibt Wege, die, je weiter wir gehen, immer mehr unsere Utopien beinhalten.


Neue Regeln und eine neue Moral zu erschaffen, die die Leute einem neuen Tribunal gegenüberstellt und sortiert wer auf der 'richtigen Seite' steht, ist nur die Reproduktion des Systems. Ein Kampf, in dem sich nicht von seinen eigenen Zwängen befreit wird, in dem der eigenen Entfremdung nichts entgegengesetzt wir, wird dieses System und seine Logik nicht überwinden. Wenn wir nicht heute schon die militärische Logik in uns selbst bekämpfen, werden wir immer nur das Spiel des Staates und der Bullen reproduzieren. Darum lasst uns zusammen kommen. Lasst uns wieder erfahren, welche Waffe die Solidarität sein kann. Lasst uns unsere hohlen Phrasen wieder mit lebendigen Erfahrungen füllen.


Für eine radikale Praxis, die sich gegen das System richtet und nicht seine Reproduktion darstellt.
Für eine militante Praxis die unsere Träume schon beinhaltet.


Für die Anarchie!

 

(Quelle)